Raus in die Natur beim Wildniskurs

Die Sehnsucht nach Natur treibt immer mehr Menschen in den Wald. In einem Wildniskurs kommt man der Natur ganz nahe,

Unser Autor Michael sammelt bei einem Wildniskurs Kräuter, zündet Feuer und übernachtet ohne Zelt im Freien.

Meine Geschwister und ich wuchsen am Waldrand auf. Nachmittags tobten wir im Laub oder duellierten uns mit Ästen auf umgefallenen Baumstämmen. Inzwischen wohne ich seit 16 Jahren in der Stadt. Mir gefällt das Urbane – aber ich vermisse den Wald. Kürzlich fragte mich jemand, ob ich ein Stadt- oder Landmensch sei. Ich konnte es nicht sagen.

An einem Wochenende im Juni 2019 suche ich nach einer Antwort und verlasse dafür meine heimische Komfortzone: kein Bad, keine Federkernmatratze, kein HD-Fernsehen. Stattdessen ein Wildniskurs in der Fränkischen Alb. An zwei Tagen trainiere ich mit zehn anderen Teilnehmern grundlegende Fertigkeiten, um mich in der Natur zurechtzufinden: Wir machen Feuer, sammeln Kräuter und schlafen ohne Zelt im Freien.

Draußen heimisch fühlen

Nach 20-minütigem Fußmarsch vom Parkplatz in den Wald erreichen wir das Wildniscamp. Ein Lagerfeuer dient als zentraler Treffpunkt. „Es geht darum, ein Gespür für die Natur zu entwickeln, damit wir uns draußen wohl und heimisch fühlen“, sagt Kursleiter Felix Bauer von der Natur- und Wildnisschule Frankenalb.

Zum Übernachten trägt jeder ein Tarp im Rucksack: eine wasserdichte Plane, die man mit ­Nylonseilen an einen Baum bindet und mit Erdnägeln im Boden verankert. Sie ist leichter und schneller aufzubauen als ein Zelt, aber nicht verschließbar. Nach einer kurzen Einweisung sucht sich jeder einen geeigneten Standort. Das ist nicht so einfach: Ist der Boden trocken und eben? Könnten Äste schief hängen und herabfallen? Ich erspähe ein geeignetes Plätzchen und zurre die Plane in Schulterhöhe an einem Baum fest. Leider ohne zu merken, dass meine Tarp-Öffnung in die Wetterrichtung zeigt. Damit mir der Regen nachts nicht um die Ohren peitscht, befestige ich das Tarp an anderer Stelle – ohne Erfolg. Erst ist das Dach zu niedrig, dann zu labbrig. Nach dreimaligem Auf- und Abbauen ist mein Schlafplatz fertig. „Es gibt mehr als 50 Varianten, um ein Tarp aufzustellen“, weiß unser Trainer. Ich begnüge mich fürs Erste mit der einfachsten.
Nachmittags lernen wir, ohne Feuerzeug ein Feuer zu entzünden – mit einem selbst geschnitzten Feuerbohrer. In den Pausen stärken wir uns mit Äpfeln, Bananen und Walnüssen. Abends gibt es Spaghetti mit Pesto aus Brennnesselblättern, die wir auf einer Kräuterwanderung sammeln. Nach dem Essen hocken wir am Lagerfeuer. Die Augen brennen, das Gesicht spannt von der Hitze der Flammen. Schweigend starren wir in die Glut. Ich genieße die Ruhe. In der Stadt blende ich störende Geräusche, wie das Rauschen des Verkehrs, aus. Hier aber lausche ich gern dem Knacken des Feuers. Es ist wie ein Stück Heimat, das Verbundenheit schafft.

Der Boden lebt

Zeit zum Schlafen. Mit meiner Stirnlampe erreiche ich das Tarp. Umziehen auf Knien unter der niedrigen Plane. Ich liege im Schlafsack auf der Isomatte und höre es rascheln und krabbeln. Der Boden unter meinem Nachtlager lebt: Asseln, Springschwänze, Waldameisen? Keine Ahnung. Vor meiner Lampe flirren Insekten, eine Spinne verschwindet im Laub. Ein verschließbares Zelt hat auch Vorzüge, denke ich und knipse das Licht aus. Der Wald ist nachts lauter als erwartet: Wind rauscht, Rehe bellen, Vögel trällern. Mittags habe ich ihr Konzert noch genossen, beim Einschlafen nicht.

Am nächsten Morgen wache ich gerädert auf. Statt einer Dusche Katzenwäsche überm Bachlauf: Notdürftig sprenkle ich mir Wasser auf Gesicht und Oberkörper. Die Gruppe hockt schon zum Frühstück am Lagerfeuer. Über der Glut kocht ein Topf Wasser mit Holunderblüten als Tee. Ich vermisse mein Müsli und den frisch gemahlenen Kaffee. Unser Programm am zweiten Tag: Wir bauen aus Zweigen und Laub eine trockene Hütte. Und lernen, auch ohne Quelle Wasser zu sammeln und zu desinfizieren. Zum Abschluss machen wir den Foxwalk: Wir streifen die Wanderschuhe ab und laufen barfuß über den Waldboden. „Stellt euch vor, ihr wollt euch einem Reh nähern, ohne es zu verscheuchen“, erklärt Felix Bauer. „Lasst den Blick oben und geht langsam voran.“ Wie Indianer schleichen wir in Zeitlupe durch den Wald. Das „blinde“ Voranschreiten ist ungewohnt. Vorsichtig schiebe ich einen Fuß vor den nächsten, stupse Tannenzapfen beiseite, weiche Steinchen aus. Mit jedem Schritt gewinne ich Vertrauen und verliere das Zeitgefühl. Wie lange waren wir unterwegs? Eine Stunde? 15 Minuten, antwortet der Coach.

Die Zeit vergessen und sich eins fühlen mit seiner Umwelt: Das ist wohl der größte Luxus in der Natur. Und entschädigt für so manchen Verzicht.


Wildnisschulen

Viele Menschen haben ein Stück weit den Kontakt zur Natur verloren – und wollen ihn in Kursen zurückgewinnen. Wildnis- und Survivalcamps für Kinder, Erwachsene oder Familien boomen. Wer im Wald übernachten und die Grundfertigkeiten lernen möchte, um in der Wildnis klarzukommen, kann – wie unser Autor – einen Wildniskurs in der Natur- und Wildnisschule Frankenalb buchen. Einen Überblick über weitere Wildnisschulen etwa in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet das Wildnisschulenportal Europa.