Lebendige Geschichte

Goethe und Luther haben in Oberroßla ihre Spuren hinterlassen. Der wahre Schatz des Ortes liegt aber an anderer Stelle.

Wenn sich Steffen Clauder an den ersten Adventsmarkt in Oberroßla im vergangenen Jahr erinnert, huscht dem Bürgermeister ein Lächeln übers Gesicht: „Als wir das planten, wussten wir nicht, ob 10 oder 100 Leute kommen würden – aber dass das so ein großer Erfolg wird, hätte wohl keiner gedacht.“ Zwar war mit einer Glasbläservorführung, schöner Deko und ausreichend Essen und Trinken der Rahmen gesteckt, für den eigentlichen Erfolg sorgten aber die Oberroßlaer. Die Kindertanzgruppe führte spontan einen Tanz auf, es gab ein ungeplantes Saxophonkonzert. „Obwohl das Fest auf dem Dorfplatz praktisch im Schlamm stattfand, haben alle improvisiert und etwas dazu beigetragen“, so Steffen Clauder. „Viele reden über den Zusammenhalt in einer Gemeinde – bei uns gibt es das tatsächlich noch.“ Beleg dafür ist auch das rege Vereinsleben, das von der Energieversorgung Apolda immer wieder unterstützt wird: Erst in diesem Jahr hat der Kirmesverein Oberroßla im Rahmen der alljährlichen Sponsoringaktionen einen Zuschuss zur Erneuerung der Kirmestrachten erhalten.

Zeitzeugnisse retten

Dass der Zusammenhalt auch in der Vergangenheit groß war, zeigt die ehemalige Schule von Oberroßla: An einer der Außenwände prangt ein riesiges Gemälde des thüringischen Malers Eberhard Heiland (1935–2005), das den Bau der Schule und Szenen aus dem Schulalltag in der DDR zeigt. „Jedes dieser Gesichter hat einen Namen – es sind alles Porträts von Oberroßlaern, die damals mitgebaut haben oder die Schule besuchten.“ Mittlerweile hat der Zahn der Zeit sichtbare Spuren an dem Gemälde und dem Gebäude hinterlassen. Die zweite Dorferneuerung soll die Rettung bringen. „Unser Ziel ist, in der alten Schule ein Vereinszentrum einzurichten“, erklärt Steffen Clauder. „Das Bild ist ein Stück unserer Geschichte, wir wollen es auf jeden Fall erhalten.“ Auch der Dorfplatz vor der Kirche, in der seiner Zeit schon Martin Luther gepredigt hat, soll dann in neuem Glanz erstrahlen. Schon im kommenden Jahr soll es losgehen. Bei der ersten Dorferneuerung wurde neben Straßen und anderer Infrastruktur bereits der hübsche „Verweilplatz“ eingerichtet, der als Spielplatz vor allem Anziehungspunkt für junge Familien ist. Den Dorfplatz hatten die Einwohner auf eigene Faust hergerichtet.

Gefragte Lage

Überhaupt fällt beim Gang durch Oberroßla auf, dass etliche Gebäude im Ortskern in den vergangenen Jahren liebevoll renoviert wurden. „Viele alte Häuser sind in junge Hände gekommen und wurden nach historischem Vorbild renoviert“, erläutert Steffen Clauder. Die Nachfrage nach Wohnraum sei generell groß: Aktuell gebe es im Ort nichts zu mieten. Häuser, die auf dem Wohnungsmarkt landeten, seien spätestens nach zwei Wochen verkauft. Neben dem intakten Dorf- und Vereinsleben und der Ruhe im Ort sei auch die Lage ein Glücksfall, meint der Bürgermeister. Zwar gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten, aber Zentren wie Apolda, Jena, Erfurt und Weimar seien dank der Bundesstraße schnell erreichbar. Auch der Ilmtalradweg führt direkt durch Oberroßla. Neue Baugebiete sind aber trotz der hohen Nachfrage derzeit nicht in Planung. Weiterhin ungewiss ist indes die Zukunft des überregional wohl bedeutsamsten Zeitzeugnisses: Der „Goethe-Hof“ mitten im Ort, der sich drei Jahre im Besitz des Dichterfürsten befunden hatte, ist heute nur noch als Ruine sichtbar. Einzig die Goethe-Quelle an der Ilm lädt heute noch zum Verweilen ein.